Stolpersteine bei ärztlichen Berichten des behandelnden Arztes sowie bei externen Begutachtungen

6. September 2018

Im Abklärungsverfahren der privaten und öffentlichen Sozialversicherungsträger spielen die ärztlichen Berichte der behandelnden Ärzte in der Praxis eine wesentliche Rolle, auch wenn der Beweiswert vom Bundesgericht regelmässig in Frage gestellt wird. Die Berichte der Hausärzte geben zumindest eine Stossrichtung und den ärztlichen Berichten der Fachärzte kommt höhere Beweiskraft zu. Massgebend ist freilich die Begründungsdichte in den Stellungnahmen, was selbstredend mit einem gewissen Zeitaufwand für die Ärzte verbunden ist. Die Erfahrung zeigt aber, dass die behandelnden Ärzte in aller Regel zu Stellungnahmen bereit sind und ihre Berichte Eingang in den Entscheidungsprozess finden. Nicht selten stützen sich die Sozialversicherungsträger auf diese Berichte bei der Leistungsausrichtung oder die Gerichte ordnen bei einem ablehnenden Gutachten eine Zweitbegutachtung an. Das wiederum stärkt die Verfahrensrechte der Versicherten.

Medizin und Recht sind allerdings zwei verschiedene Gebiete. Nebst der erwähnten Begründungsdichte, insbesondere die Begründung des Kausalzusammenhangs zwischen den erhobenen Befunden und der (Rest-)Arbeitsfähigkeit (Belastungsprofil), verkennen oder gewichten die behandelnden Ärzte in ihren Berichten diejenigen Punkte ungenügend, welche in der Praxis zur Verweigerung des Leistungsgesuches herangezogen werden, da schlussendlich vom Bundesgericht so gewollt. Beispiele sind namentlich die Erwähnung von Freizeitaktivitäten wie etwa Sparziergängen, Treffen mit Freunden, Einkaufen, und insbesondere Ferien, auch wenn diese Tätigkeiten vom Arzt und wohl auch von jedem mit gesundem Menschenverstand dem Patienten zur Besserung des Gesundheitszustandes empfohlen werden. Auch die Erwähnung von Fortschritten und Phasen der Gemütserhellung sollten vermieden werden. Von grosser Wichtigkeit sind namentlich auch die Medikamenten und Therapiecompliance. Sind in den Akten Lücken in der Medikamenteneinnahme oder der Therapiesitzungen zu verzeichnen, lehnen die IV-Stellen regelmässig das Leistungsgesuch mit der Begründung ab, der Gesundheitszustand liesse sich noch verbessern. Der Arzt tut deshalb gut daran, sich bei Lücken in der Compliance in Zurückhaltung zu üben oder aber die Lücken objektiv zu erklären. Empfehlenswert ist jedenfalls die Erwähnung einer Negativprognose mit entsprechender Begründung. Nicht in einen Arztbericht gehören meiner Ansicht nach auch Äusserungen zur Auswirkung des Krankheitsgeschehens auf die Stellensuche (“er wird bei dieser Ausgangslage keine Stelle mehr finden”; “eine Berentung würde helfen” etc.). Damit wird das Bild erweckt, dass es beim Bericht in erster Linie um Rentenleistungen oder Taggelder etc. geht als Objektivierung des medizinischen Sachverhalts. Auch sprachlich ist Vorsicht geboten. Absolute Begriffe wie “nie”, “vollständig”, “total” sind zu vermeiden. Stattdessen eignen sich Formulieren wie “erscheint die Ausübung einer Arbeit im angestammten Beruf als unrealistisch”, “auch in jeder leidensangepasster Tätigkeit wird der Patient schnell an Grenzen stossen, weil…” etc.

Diese Grundsätze gelten übrigen auch für das Aussageverhalten der Versicherten bei externer Begutachtung.

Dies waren nur wenige Beispiele aus der Praxis. Es kann sich deshalb lohnen, sich bereits im Abklärungsverfahren anwaltschaftlich beraten zu lassen.